Es kommt zu Rudelbildungen
Bericht aus der AZ vom 12.03.08
WOLF IN DER SCHWEIZ «Mister Wolf» Reinhard Schnidrig glaubt, dass die Ausbreitung nicht zu verhindern ist. Mit richtigen Massnahmen würden die Schäden abnehmen.
TOMMY DäTWYLER Herr Schnidrig, wie gross ist die Chance, in den Schweizer Alpen einem Wolf zu begegnen?
Reinhard Schnidrig: Äusserst klein oder eigentlich gar nicht vorhanden. Es leben zu wenig Wölfe bei uns und diese durchstreifen sehr grosse Territorien. Der Wolf lebt für den Menschen fast unsichtbar. Dank dieser Lebensweise kommt er in der Kulturlandschaft des Menschen gut zurecht.
Seit 1995 konnte in der Schweiz die Existenz von 19 Wölfen nachgewiesen werden. Könnten es auch mehr (gewesen) sein?
Schnidrig: Diese Zahl ist nur die absolut sichere Minimalzahl. Es leben heute bereits mehr Wölfe in der Schweiz, als wir in der Statistik haben. Mit der genetischen Identifizierung können wir nur verzögert jene Wölfe nachweisen, die entweder Nutztiere angegriffen haben oder tot sind. Der Wolf kann Monate und vielleicht sogar Jahre unter uns leben, ohne dass wir ihn bemerken. Das Beispiel des überfahrenen Wolfs in Gsteigwiler im Berner Oberland, der wahrscheinlich über zwei Jahre unbemerkt im Grimselgebiet gelebt hat, hat uns dies bereits eindrücklich bewiesen.
Was braucht der Wolf, damit es ihm wohl ist?
Schnidrig: Relativ wenig. Er braucht etwas Raum und genügend Nahrung. Der Wolf ist unglaublich anpassungsfähig. Bei uns wird es dem Wolf in den Alpen, den Voralpen und auch im Jura wohl sein, sofern ihm die Menschen dort Lebensrecht gewähren.
Wie viele Wölfe könnten theoretisch in der Schweiz Lebensgrundlagen finden?
Schnidrig: Diese Frage lässt sich so nicht beantworten. Die Zahl der Wölfe in der Schweiz hängt davon ab, wie viele die Menschen bei uns dulden werden, und zwar nicht die Menschen in Zürich, Basel, Lausanne oder Genf, sondern jene im Wallis, im Tessin, im Prättigau oder in den jurassischen Freibergen.
Wie gross ist denn Ihr Verständnis für Leute, die eine Rückkehr des Wolfes ablehnen und partout keine Wölfe in der Schweiz dulden wollen?
Schnidrig: Im Oberwallis aufgewachsen, bin und bleibe ich ein Bergler. Ich verstehe deshalb die Schäfer oder die Gemsjäger gut, wenn sie den Wolf nicht mit offenen Armen aufnehmen. Den Wolf ausrotten ist aber heute keine Option mehr. Er hat auch eine ökologische Rolle zu spielen im Gefüge unserer Lebensgemeinschaft. Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, mit ihm wieder leben lernen.
Wie gross schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass in Zukunft weitere Wölfe in die Schweiz einwandern? 
Schnidrig: Dass weitere Wölfe in die Schweiz einwandern, ist sicher. In den italienischen und französischen Alpen leben heute vielleicht zwei, drei Dutzend Rudel mit insgesamt etwa 200 Tieren. Das nächste sich fortpflanzende Rudel zur Schweiz ist meines Wissens am Gran Paradiso im Aostatal. Die Zuwachsrate der jungen Alpenwolf-Population beträgt 20 bis 30 Prozent pro Jahr. Und ein rechter Teil dieser jungen Tiere geht auf Wanderschaft.
Wo sind in den nächsten Jahren am ehesten Wölfe zu erwarten?
Schnidrig: In den südlichen Kantonen werden weitere Wölfe einwandern, auch Weibchen. Die Besiedlung durch junge Männchen wird in den nördlichen Alpen und Voralpen voranschreiten. Einzelne werden über die Schweiz hinauswandern und Bayern und Österreich erreichen. Und auch der Jurabogen wird früher oder später besiedelt.
Wird es auch zu einer Rudelbildung kommen?
Schnidrig: Ja, das wird es. Vielleicht ist es ja auch schon passiert; das Monitoring der Wölfe ist ungemein schwierig und wir werden wahrscheinlich erst mit etlicher Verzögerung den Nachweis erbringen können, dass bei uns das erste Rudel mit Nachwuchs lebt. Unter einem Wolfsrudel muss man sich bei uns nicht eine Ansammlung von eins oder zwei Dutzend Wölfen vorstellen, wie man das aus nordamerikanischen Filmen kennt. Rudel bestehen in Mitteleuropa meistens aus einem Elternpaar mit ihren Jungen.
Glauben Sie, dass sich in 20 Jahren eine Wolfpopulation in der Schweiz etabliert und sich das Verhältnis zwischen Mensch und Wolf normalisiert hat?
Schnidrig: Das eine glaube ich, das andere hoffe ich. Die Ausbreitung des Wolfs ist nicht aufzuhalten. Mit dem richtigen Herdenschutz und der Rudelbildung werden auch die Schäden an Nutztieren zurückgehen. Dafür braucht es die Bereitschaft der ländlichen Bevölkerung, sich auf diesen Änderungsprozess einzulassen. Andererseits müssen wir mit der Zeit den Totalschutz beim Wolf lockern. Und dies braucht das Verständnis der städtischen Bevölkerung.
Reinhard Schnidrig ist Leiter der Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität im Bundesamt für Umwelt (Bafu).
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